Rede von Knut Maßmann, Sprecher der VVN-BdA Gelsenkirchen,
bei der Kranzniederlegung des Ostermarsch Rhein-Ruhr am Mahnmal für die
Opfer des Faschismus im Stadtgarten Gelsenkirchen am 27. März 2016.
Liebe Friedensfreundinnen und liebe Friedensfreunde,
wie in jedem Jahr
stehen wir am Ostersonntag vor dem Mahnmal für alle Opfer des Faschismus hier
im Stadtgarten. Mahnmale und Denkmale sind wichtig, um die Erinnerung an die
Zeit des Faschismus nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und vor seiner
Wiederkehr zu warnen. Eine Wiederkehr, die nicht ausgeschlossen ist.
Die ersten Denkmale für die Opfer des Faschismus in
Gelsenkirchen wurden von jüdischen Überlebenden errichtet: 1947 auf dem
wiederhergestellten jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Buer. 1948 auf dem
Horster Südfriedhof zur Erinnerung an 250 jüdische Zwangsarbeiterinnen aus
Ungarn und aus Rumänien, die nicht in den Schutzbunker durften und aus diesem
Grund Opfer eines Luftangriffes geworden sind.
Ebenfalls 1948 folgte
auf dem Horster Südfriedhof ein von der VVN errichtetes Denkmal für die 1944
ermordeten Mitglieder der antifaschistischen Zielasko-Gruppe. Es erinnert auch
an die 1920 im Anschluss an den Kapp-Putsch von rechtsradikalen Freikorps
ermordeten Mitglieder der Roten Ruhrarmee und steht an der Stelle eines von den
Nazis zerstörten früheren Denkmals.
Das große Mahnmal, welches ihr hinter meinem Rücken
seht, wurde ebenfalls von der VVN, der Vereinigung der Verfolgten des
Naziregimes, und mit Unterstützung der Stadt Gelsenkirchen errichtet. Es wurde
am 10. September 1950, dem damals üblichen Gedenktag für die Opfer des
Faschismus, feierlich der Öffentlichkeit und der Obhut der Stadt übergeben.
„Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ war die
Lehre nach 1945. Doch was ist von dieser Lehre heute noch übrig geblieben?
Wir leben wieder in einem Land, das sich an Kriegen
in aller Welt beteiligt. Stand Februar diesen Jahres befinden sich 3.000
bewaffnete Soldatinnen und Soldaten in mehr als 10 Staaten, im Mittelmeer und
am Horn von Afrika im militärischen Einsatz.
Wir leben wieder in einem Land, in dem Rassismus und
völkisches Gedankengut offen auftreten. Wir müssen erleben, wie
Flüchtlingsheime angezündet werden und der grölende Mob nicht nur mit
unverhohlener Freude Beifall klatscht, sondern - wie in Bautzen - die Feuerwehr
vom Löschen abhält. In einer sächsischen Kleinstadt wurde über Stunden ein Bus
mit Flüchtlingen blockiert, ohne dass die Polizei eingreift.
Die Polizei dagegen probt neue Einsatztechniken
gegen Antifa-Demos. Ja, ihr habt richtig gehört. In diesem Monat probten rund
400 Beamte verschiedener Hundertschaften auf der Zeche Westerholt neue
Einsatztechniken gegen eine Antifa-Demo, um Randalierer und Gewalttäter aus der
Menge zu isolieren.
Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden bis
Februar diesen Jahres bereits 151 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und ihre
Bewohner gezählt. Das sind im Durchschnitt fast 3 Angriffe pro Tag. Dagegen
wird nicht geprobt.
Eine Wortführerin von PEGIDA lobt den „Mut der
Bürger“. Vertreter der AfD fordern „Grenzen zu und Feuer frei“. Die Politik
kommt den Rechten entgegen, diskutiert Obergrenzen und Lager, beschließt
Verschärfungen des Asylrechts und verkündet neue, vermeintlich sichere
Herkunftsländer.
Auch im Gelsenkirchener Stadtparlament sitzen drei
Vertreter der AfD. Sie agieren mit der rechtsextremen ProNRW gemeinsam und
machen deutlich, wo sie politisch stehen. Nämlich Rechtsaußen!
Zu Beginn meiner Rede sagte ich, Mahnmale und
Denkmale sind wichtig, um die Erinnerung an die Zeit des Faschismus nicht in
Vergessenheit geraten zu lassen und vor seiner Wiederkehr zu warnen. Eine
Wiederkehr, die nicht ausgeschlossen ist.
Auch 2015 wurde in Gelsenkirchen ein Denkmal der
Öffentlichkeit übergeben. Allerdings kein antifaschistisches Denkmal, sondern im
Gegenteil, ein Denkmal in kriegsverherrlichender und faschistischer Ästhetik.
Ein 5 Meter hohes, lorbeergeschmücktes Schwert aus Gussstahl, angebracht an
einer 6 Meter hohen Granitstele. Ein steil aufgerichteter Kriegsphallus.
Ursprünglich war er von den Nazis am 1. Mai 1937 auf
dem Gelände des Schalker Vereins pompös eingeweiht worden. Mit der Inschrift
„Sie starben für Deutschland“ stellten die Nazis die im Ersten Weltkrieg
gefallenen Werksangehörigen in den Dienst ihrer innenpolitischen Kriegsvorbereitung.
Einen Krieg, den wir heute unter dem Namen Zweiter Weltkrieg kennen und in
dessen Schatten Vernichtungskrieg und Holocaust stattfanden.
Nach dem Verkauf des Schalker Vereins vor einigen
Jahren und während der Umgestaltung des früheren Werksgeländes wurde das
Nazi-Schwert wiederentdeckt. Es wurde unter Denkmalschutz gestellt und kurz vor
dem 9. November 2015 an einen öffentlichen Weg umgesetzt. Hinzu kamen ein Stein
mit der einfallslosen Inschrift „Die Toten mahnen zum Frieden“ und einer den
historischen Hintergrund erläuternden Tafel. Doch weithin sichtbar bleibt der
steil aufgerichtete Kriegsphallus der Nazis.
Dagegen fordert die Gelsenkirchener VVN eine
öffentliche Diskussion und die Umgestaltung in ein antifaschistisches Denkmal.
Gerade auf dem Gelände des Schalker Vereins bietet sich die Thematisierung von
Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Widerstand und Bombenkrieg an, um aus der
Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.
Etwas, das ist in unserer Zeit nötiger ist denn je!
Vielen Dank fürs Zuhören!