(es
gilt das gesprochene Wort )
Den Ostermarsch – ja, gibt’s
den denn noch?
So und ähnlich bin ich in
den letzten Wochen gefragt worden. Da war doch mal was. Da waren vor
Jahrzehnten Menschen aktiv, denen die Erfahrung des Krieges noch mehr als
präsent war und die daraus die Konsequenz gezogen hatten: Nie wieder Faschismus
– nie wieder Krieg.
Die Wiederbewaffnung und die
Aufrüstung haben sie nicht verhindern können.
Es wurde ruhig um den
Ostermarsch.
Und dann – zehn, fünfzehn
Jahre später: da wurde wieder über Ostermärsche berichtet. Riesendemos,
Großveranstaltungen, Diskussionen und vieles mehr: die Nachrüstung, eine
geänderte NATO Strategie, Waffenexporte u.a.m. waren Themen.
Das alles wurde Realität.
Und mit dem Ende des
Ostblocks wurde es ruhig um den Ostermarsch.
Sollte das wieder nur eine
kurze, aber trügerische Phase der Beruhigung sein? Waren denn nicht viele Ziele
erreicht – mit Schritten der Abrüstung; mit dem Fall des Eisernen Vorhangs; mit
dem Ende der Abschreckung?
Liebe Ostermarschierer und
Ostermarschiererinnen,
ich gebe gerne zu: auch ich
hatte mein Engagement in Sachen Ostermarsch fast dran gegeben. Vielleicht auch
weil ich meinen Wunsch nach einer friedlichen Welt – oder besser: wenigstens
nach einem friedlichen Europa ( denn die Welt war auch in den letzten
Jahrzehnten alles andere als friedlich) – weil ich also diesen Wunsch mit der
Wirklichkeit verwechselt hatte.
Und es wäre doch auch so
schön gewesen: Leben auf einem friedlichen Kontinent – eine sogenannte
Friedensdividende nutzend – keine Ängste mehr um mein Leben oder das der
Generation unserer Kinder.
Und nun stehen wir aber hier
in der Tradition des Ostermarsches. Und ich bin all denen sehr dankbar, die
nicht, wie ich, ihr Engagement auf Sparflamme gestellt hatten, sondern die ihr
Engagement durchgehalten haben – oder gar wieder neu aufgenommen haben.
Das zeigt doch zweierlei:
Die Ziele des Ostermarsches
sind eben noch nicht erreicht. Leben, ja Überleben ist erneut gefährdet. Es sterben
inzwischen wieder Tausende – und zwar nicht nur weit weg von uns – sondern
mitten auf unserem Kontinent.
Aber, dass Ihr hier seid,
zeigt auch:
Wir haben erkannt, dass es
offensichtlich wieder nötiger denn je ist, deutlich Flagge zu zeigen und für
die Ziele des Ostermarsches einzutreten.
Denn der Krieg ist nicht
abgeschafft – ja nicht einmal wirklich gestoppt. Ganz im Gegenteil: unsere
Kriegsministerin kann ohne große gesellschaftliche Diskussion wieder mehr Geld
für Bewaffnung fordern; die sprachlichen Täuschungsmanöver leben unvermindert
weiter: wenn zum Beispiel von größerer Verantwortung wahrnehmen die Rede ist
und militärische Stärke gemeint ist und wenn die Umsetzung der
Abschreckungsdoktrin in Manövern geübt wird.
In mir erzeugt das Angst und
Wut. Es kann doch nicht sein, dass so kurz, nachdem einige Pulverfässer
beseitigt waren, wir wieder daran gehen, neue aufzustellen.
Ja, ist es denn schon wieder
vergessen, dass wir alle über Jahrzehnte in Situationen gelebt haben, in denen
ein Funke genügt hätte, um uns alle auszulöschen?
Ich fürchte, liebe
Ostermarschierer/innen: das ist zumindest für die Jüngeren eben keine
rhetorische Frage. Ich fürchte, hier ist aus dem Blickfeld geraten, welche
fürchterliche Bedrohung die Atomwaffen darstellen. Und die sind eben nicht
einfach verschwunden, sondern reichen, auch wenn die Anzahl reduziert worden
ist, immer noch aus, um uns alle mehrfach zu vernichten.
Und deshalb ist natürlich
auch die zweite Forderung auf den Plakaten, nach der ersten ( nämlich Kriege
stoppen) deshalb ist diese genauso berechtigt: die Forderung, Atomwaffen zu
ächten.
Und dann ist da ja auch noch
das Dritte: zivile Lösungen schaffen.
Darauf kommt es an.
Denn natürlich wird es auch
in Zukunft immer wieder Konflikte und Auseinandersetzungen geben. Aber die
dürfen um Gottes Willen – und das heißt hier: um des Menschen willen, nicht
durch Waffen und Kriege ausgetragen werden.
Denn zivil, oder besser
noch: zivilisiert ist das nicht.
Denn zivile Lösungen stellen
die Menschen in den Mittelpunkt; und zwar die Menschen in allen Ländern. Das
wird bei dem russischen Vater so sein, dessen Sohn den politischen Zielen der
russischen Regierung geopfert wurde- das wird bei der ukrainischen Mutter so
sein, deren Kinder im Haus verbrannten und das wird wohl auch in allen Familien
so gesehen werden können, in denen jemand sein Leben verliert; sei es in
Afghanistan, in Nigeria, in Arabien oder wo auch immer auf unserer Erde.
Aber das Bekämpfen dieses
globalisierten Elends muss lokal beginnen. Muss von uns hier, da wo wir leben
und Verantwortung tragen, organisiert werden.
Dazu gehört das in Frage
Stellen der Logik der Abschreckung. Dazu gehört das Sich nicht daran Gewöhnen
an Militärs in Schulen oder das Akzeptieren einer Werbung, die suggeriert, als
sei das Soldat Sein ein Beruf wie jeder andere.
Dazu gehört aber eben auch
noch mehr; nicht nur die direkten Vorbereitungen, damit Kriege wieder
akzeptiert werden.
Nein, leider tragen auch
noch andere Dinge zu solch verhängnisvollen Entwicklungen bei:
Denn wir brauchen uns doch
nicht zu wundern, wenn wir in unserer Gesellschaft so viele Menschen außen vor
lassen; dass diese dann den Respekt und die Achtung vor dem Leben verlieren,
wenn sie immer wieder die Erfahrung machen, dass sie doch keine Chance haben,
dass sie immer wieder auf die Fresse kriegen. Wer der sozialen Ungerechtigkeit
einfach tatenlos zuschaut, der braucht sich nicht über Verrohung und
Gewaltbereitschaft zu wundern. Der Einsatz für soziale Gerechtigkeit ist
sicherlich eins der Mittel, die jedem und jeder von uns zur Verfügung stehen,
um letztlich auch die hohen Ziele des Ostermarsches zu erreichen.
Wenn allein in unserer Stadt
über 40.000 Menschen von dem wenigen Geld leben müssen, das unter Hartz IV
bekannt ist, dann darf das niemanden mehr in Ruhe lassen. Dann ist die
Forderung nach einem sozialen Arbeitsmarkt, wie ihn zum Beispiel der
Gelsenkirchener Appell erhebt, absolut nicht zu teuer.
Denn wer die Chance auf ein
auskömmliches Leben für sich und seine Familie hat, der braucht keinen Job in
einer Kaserne als vermeintliche Problemlösung; der wird auch nicht auf die
verwegene Idee kommen, Flüchtlinge seien Schuld an der eigenen schwierigen
Situation; und der wird erst Recht nicht auf die letztlich tödliche Überlegung
kommen, sich mit Bomben und Terror das zu holen, was ihm andere vorenthalten
Ja, in diesem Bereich, vor
der Haustür, sollten wir beginnen, nach besseren Lösungen, nach gerechteren und
damit zivilen Lösungen zu suchen.
Unser Leben werden wir nicht
mit besseren G36 Gewehren verteidigen – auch nicht mit Panzern, die tatsächlich
fahren können oder mit verstärkten Transportkapazitäten für Soldaten – Nein,
unser aller Leben verteidigen wir besser mit sozialer Gerechtigkeit, mit einer
Wirtschaft, die allen zu Gute kommt und mit einer Politik, die den berechtigten
Lebensinteressen von Menschen anderes begegnet als mit dem Massengrab im
Mittelmeer.
Dann, liebe Freundinnen und
Freunde, wenn uns das klar ist, dann wird uns vielleicht auch schnell klar,
dass das, was auf der Gedenktafel am Mahnmal steht, dass das eben nicht nur
schwülstige Formulierungen aus alter Zeit sind.
Sondern hier sind Worte
gewählt, die notwendigerweise Großes ansprechen – denn nur wer Großes im Sinn
hat, wird auch bereit sein, sich dafür einzusetzen:
Zerstampft des Unrechts
Drachensaat,
zerstört den Hass von Staat
zu Staat.
Versenkt die Waffen in
Gewässern.
Dann wird im
Friedenssonnenschein, die ganze Welt uns Heimat sein.
Dass Ihr alle dabei
mithelfen wollt, das habt Ihr durch Euer Dasein bewiesen.
Dafür danke ich Euch! Und
bitte: lasst nicht nach!