Dr. Rolf Heinrich
Leben statt Zerstörung
Ansprache auf dem Ostermarsch – 20. April 2014
Es ist nicht zufällig, dass seit
über 50 Jahren Menschen heute am Ostersonntag aufstehen für Leben statt
Zerstörung der Lebensgrundlagen.
Wir stehen hier für das Leben: So verschieden wir auch sind, was unser Alter,
unser Geschlecht, unser Aussehen, unsere Kultur, Religion oder politische
Überzeugung angeht, uns verbindet an diesem Ostermorgen die Sehnsucht und das
Engagement für das Leben in einer friedlichen Welt „Frieden schaffen ohne
Waffen“. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist eine uralte Vision, ein Traum, eine
Sehnsucht der Menschen. Wir wissen aus leidvoller Erfahrung, dass die Realität
anders aussieht, aber ohne Visionen und Träume können Menschen nicht leben.
Ostern feiern Menschen, dass die Kräfte des Lebens stärker sind als die Mächte
des Todes. Sie feiern ihre Hoffnung, dass das Leben stärker sein möge als
Leiden und Unrecht. Traditionell wird heute hier am Mahnmal für die Opfer von
Krieg und Faschismus ein Kranz niedergelegt. Der Kranz ist Zeichen der Achtung
und des Respekts vor den Opfern und zugleich ein Zeichen für das Leben und den
Sieg des Lebens. Die Opfer sind nicht vergessen, sie sind schmerzhaft
gegenwärtig.
In Argentinien erinnern die Mütter der in der Militärdiktatur verschwundenen
Töchter und Söhne jedes Jahr an ihre ermordeten Kinder, jeder Name wird
vorgelesen und alle rufen „Presente“, er ist gegenwärtig, sie ist gegenwärtig. Das
Nicht-Vergessen der Opfer mahnt uns Lebende, das Leben als höchstes und
schützenswertes Gut zu achten: Kein Mensch sollte auf den Wegen seines Lebens
geopfert werden oder zum Opfer verführt werden. Weltweit aber werden Menschen
nach wie vor zu Opfern: Sie werden geopfert aus politischen, wirtschaftlichen
und religiösen Machtinteressen.
Daher brauchen wir Menschen, die Protestleute gegen den Tod und die Mächte des
Todes sind und die aufstehen für das Leben. Das Leben, das natürliche Leben des
Menschen ist sein höchstes Gut. Der Erhalt des natürlichen Lebens ist die
Voraussetzung aller anderen Güter. Deshalb können Werte wie Freiheit,
Gerechtigkeit, Sicherheit niemals höheren Stellenwert haben als das Leben und
der Schutz des Lebens. Heute muss die
Frage nach der Fortdauer des Lebens gestellt werden, des menschlichen und
nicht-menschlichen Lebens und nach dem Überleben der Menschheit und der
Biosphäre.
Leben statt Zerstörung bedeutet zu entdecken, dass jedes Leben mit anderem
Leben in einem Netzwerk Leben verbunden ist: Leben entsteht und besteht aus
Teilen und wechselseitiger Teilhabe. Die verschiedenen Aspekte des Lebens Klima
und Umwelt, Finanzen und Schulden, Krieg und Frieden sind gegenseitig
voneinander abhängig. Wir können nicht länger separat mit ihnen umgehen, alles
hängt mit allem zusammen.
Klimaerwärmung und Umweltzerstörung werden zu einer Frage von Leben und Tod.
Der Klimawandel wird in den kommenden Jahrzehnten die Gefahr von Bürgerkriegen,
Armut und Hungersnöten vergrößern. Es wird Kriege um Wasser und Nahrung geben
und vom Klima erzwungene Migration. Klimawandel und ein nuklearer Holocaust
könnten einen Großteil des Lebens und alle Aussichten auf einen gerechten
Frieden zerstören. So gehören die aktuellen Herausforderungen Rüstungsexporte,
Flüchtlingsfrage, Klimakatastrophe, Armut und Hunger im Netzwerk Leben
zusammen.
Gibt es eine Ursache der Zerstörung der Lebensgrundlagen?
Ökologische und soziale Krisen bedingen sich gegenseitig und haben eine
gemeinsame Ursache und Wurzel: Die auf kurzfristigen Wachstum und Renditeziele
ausgerichtete Wirtschaftsweise und ein konsum- und ressourcenintensiver
Lebensstil. Nicht nur wo geschossen wird, nicht nur wo es Tausende von Toten
gibt, herrscht Krieg. Der Krieg wird mit und um Geld geführt. Das Geld und die
Steigerung des Gewinns werden zum Zweck aller Zwecke. „Es herrscht der Erde
Gott, das Geld“ (Schiller) Der Glaube an die Macht des Geldes ist die einzige
Religion, die noch nicht auf einen Atheisten gestoßen ist. Sichtbar zum
Beispiel in der eklatanten Ungleichverteilung, wonach der Besitz der drei
reichsten Menschen der Welt das Bruttosozialprodukt der 48 ärmsten Nationen der
Welt übersteigt. Die Liebe zum Geld zerstört die Beziehungen der Menschen
untereinander, indem Menschen ausgenutzt und ausgebeutet werden, anstatt solidarisch
mit ihnen zu teilen.
Zu diesem fast allmächtigen
System gehört es, dass es Opfer fordert, am Arbeitsplatz, in der Wohn- und
Lebenswelt, in der Natur und in kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Macht
des zinstragenden Kapitals schickt Menschen „zum Töten und Getötet werden auf
die Jagd“ (Karl Barth), so wird Geld zu Blut und Blut zu Geld. Ziel des
Wirtschaftens ist dann nicht der Schutz des Lebens und der natürlichen
Lebensgrundlagen, sondern die Steigerung von Macht und Einfluss und die Steigerung
des Profits.
Deshalb ist Deutschland der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt, deshalb
sind Militärausgaben in Deutschland und in Krisenregionen der Erde gestiegen,
deshalb gibt es Auslandseinsätze der Bundeswehr, deshalb wird mehr
militärischer Präsenz und Intervention im Ausland das Wort geredet, während die
Kluft zwischen Armen und Reichen immer größer wird.
Aber: Es gibt keinen Frieden
ohne soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Deshalb haben vor Tausenden von
Jahren die Propheten bekannt: Frieden und Gerechtigkeit werden sich küssen. Frieden
ist immer Ausdruck und Zeugnis gerechter sozialer und wirtschaftlicher
Verhältnisse und schließt Frieden mit der Erde, Frieden in der Wirtschaft und
Frieden zwischen den Völkern ein. Wahrer Fortschritt besteht dann nicht in der
Anhäufung von Konsum- und Produktionsgütern, nicht in der Gewinnmaximierung
eines Unternehmens, sondern in der Neuverteilung dessen, was die Erde
hervorbringt, im Maß der gerechten und gleichmäßigen Verteilung des bestehenden
Reichtums und im maßvollen Gebrauch der natürlichen und menschlichen
Ressourcen. Gegen soziales Unrecht und Verelendung kann man nicht militärisch
mit Waffen vorgehen, denn es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit und keine
Gerechtigkeit ohne Frieden.
„Eine andere Welt ist nicht nur möglich. An stillen Tagen können wir sie
bereits atmen hören“, sagt die indische Schriftstellerin Arundhati Roy. Wir
können die andere Welt atmen hören in den Menschen, die tagtäglich im Kleinen
in ihrer unmittelbaren Lebenswelt zerstörerischen Prozessen, Hass und Gewalt
widerstehen. Es gibt viel mehr Menschen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit
einsetzen als öffentlich wahrgenommen wird. Es gibt ein wachsendes Interesse an
alternativen Lebensformen, an Modellen gemeinsamen Wirtschaftens und Lebens.
• Menschen engagieren sich in
Selbsthilfebewegungen, in Konsum- und Verbrauchergenossenschaften, in
Umweltinitiativen. Sie hinterfragen unsere Konsum- und Warenwelt und versuchen
einen einfachen Lebensstil zu führen.
• Menschen versuchen Geld gerechter zu teilen in Gemeinschaftsbanken und
Tauschringen.
• Menschen arbeiten über die Grenzen der Religionen und Konfessionen hinweg in
interreligiösen Gemeinschaften für Leben statt Zerstörung. Sie nehmen
Flüchtlinge auf und widersetzen sich der Fremdenfeindlichkeit.
• Es gibt Menschen, die ihr Geld nur bei Banken in ethisch reinen Anlagen
investieren. Für sie sind alle Unternehmen Tabu, die mit Rüstung,
Tierversuchen, Drogen oder Prostitution Geld verdienen.
Wer hier genauer hinsieht, der findet viel Ermutigendes, der entdeckt Gruppen
und Menschen, die gemeinsam etwas bewirken und dem passiven hilflosen Hinnehmen
widerstehen. Wer hier genau hinsieht, der entdeckt Menschen und Gruppen, die
versuchen mitten in unserer Gesellschaft eine Ökonomie des Lebens und des
Teilens zu leben, denn nur eine Ökonomie des Lebens, des Teilens und der
Teilhabe ist der Schlüssel für einen dauerhaften Frieden.
Wenn im Netzwerk Leben alles mit allem zusammen hängt, dann wirkt es sich auf
das ganze System Leben aus, wenn jemand sich an irgendeiner Stelle für den
Schutz des Lebens engagiert, da wo er im Alltag lebt und arbeitet. In jüdischen
und muslimischen Traditionen wird das so beschrieben: „Wer einen Menschen
rettet, das ist, als hätte er die ganze Menschheit gerettet. Wer einen Menschen
tötet, das ist so, als hätte er die ganze Menschheit getötet.“
Eigener persönlicher Lebensstil
und Veränderung politischer Strukturen und Systeme im Netzwerk Leben gehören
unabdingbar zusammen: zu den strukturellen Veränderungen gehören die
Forderungen des Ostermarsches 2014:
• Verbot von Rüstungsexporten und Konversion der Rüstungsproduktion „Schwerter
zu Pflugscharen“
• Erziehung zum Frieden: Schule ohne Bundeswehr
• Atomausstieg durchsetzen und Atomwaffen abschaffen. Denn: Sogenannte
friedliche und militärische Nutzung der Atomenergie sind siamesische Zwillinge.
• Das Überleben der Menschen ist nur durch Abrüstung und Frieden möglich. Es
gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit.
Eine andere Welt ist nicht nur möglich. An stillen Tagen können wir sie bereits
atmen hören, wenn Frieden und Gerechtigkeit sich küssen.