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Rede von Dieter Heisig, ev. Industrie-und Sozialpfarrer in Gelsenkirchen

auf dem Ostermarsch im Gelsenkirchener Stadtgarten, 2015

(es gilt das gesprochene Wort )

 

Den Ostermarsch – ja, gibt’s den denn noch?

So und ähnlich bin ich in den letzten Wochen gefragt worden. Da war doch mal was. Da waren vor Jahrzehnten Menschen aktiv, denen die Erfahrung des Krieges noch mehr als präsent war und die daraus die Konsequenz gezogen hatten: Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg.

Die Wiederbewaffnung und die Aufrüstung haben sie nicht verhindern können.

Es wurde ruhig um den Ostermarsch.

Und dann – zehn, fünfzehn Jahre später: da wurde wieder über Ostermärsche berichtet. Riesendemos, Großveranstaltungen, Diskussionen und vieles mehr: die Nachrüstung, eine geänderte NATO Strategie, Waffenexporte u.a.m. waren Themen.

Das alles wurde Realität.

Und mit dem Ende des Ostblocks wurde es ruhig um den Ostermarsch.

Sollte das wieder nur eine kurze, aber trügerische Phase der Beruhigung sein? Waren denn nicht viele Ziele erreicht – mit Schritten der Abrüstung; mit dem Fall des Eisernen Vorhangs; mit dem Ende der Abschreckung?

Liebe Ostermarschierer und Ostermarschiererinnen,

ich gebe gerne zu: auch ich hatte mein Engagement in Sachen Ostermarsch fast dran gegeben. Vielleicht auch weil ich meinen Wunsch nach einer friedlichen Welt – oder besser: wenigstens nach einem friedlichen Europa ( denn die Welt war auch in den letzten Jahrzehnten alles andere als friedlich) – weil ich also diesen Wunsch mit der Wirklichkeit verwechselt hatte.

Und es wäre doch auch so schön gewesen: Leben auf einem friedlichen Kontinent – eine sogenannte Friedensdividende nutzend – keine Ängste mehr um mein Leben oder das der Generation unserer Kinder.

Und nun stehen wir aber hier in der Tradition des Ostermarsches. Und ich bin all denen sehr dankbar, die nicht, wie ich, ihr Engagement auf Sparflamme gestellt hatten, sondern die ihr Engagement durchgehalten haben – oder gar wieder neu aufgenommen haben.

Das zeigt doch zweierlei:

Die Ziele des Ostermarsches sind eben noch nicht erreicht. Leben, ja Überleben ist erneut gefährdet. Es sterben inzwischen wieder Tausende – und zwar nicht nur weit weg von uns – sondern mitten auf unserem Kontinent.

Aber, dass Ihr hier seid, zeigt auch:

Wir haben erkannt, dass es offensichtlich wieder nötiger denn je ist, deutlich Flagge zu zeigen und für die Ziele des Ostermarsches einzutreten.

Denn der Krieg ist nicht abgeschafft – ja nicht einmal wirklich gestoppt. Ganz im Gegenteil: unsere Kriegsministerin kann ohne große gesellschaftliche Diskussion wieder mehr Geld für Bewaffnung fordern; die sprachlichen Täuschungsmanöver leben unvermindert weiter: wenn zum Beispiel von größerer Verantwortung wahrnehmen die Rede ist und militärische Stärke gemeint ist und wenn die Umsetzung der Abschreckungsdoktrin in Manövern geübt wird.

In mir erzeugt das Angst und Wut. Es kann doch nicht sein, dass so kurz, nachdem einige Pulverfässer beseitigt waren, wir wieder daran gehen, neue aufzustellen.

Ja, ist es denn schon wieder vergessen, dass wir alle über Jahrzehnte in Situationen gelebt haben, in denen ein Funke genügt hätte, um uns alle auszulöschen?

Ich fürchte, liebe Ostermarschierer/innen: das ist zumindest für die Jüngeren eben keine rhetorische Frage. Ich fürchte, hier ist aus dem Blickfeld geraten, welche fürchterliche Bedrohung die Atomwaffen darstellen. Und die sind eben nicht einfach verschwunden, sondern reichen, auch wenn die Anzahl reduziert worden ist, immer noch aus, um uns alle mehrfach zu vernichten.

Und deshalb ist natürlich auch die zweite Forderung auf den Plakaten, nach der ersten ( nämlich Kriege stoppen) deshalb ist diese genauso berechtigt: die Forderung, Atomwaffen zu ächten.


Und dann ist da ja auch noch das Dritte: zivile Lösungen schaffen.

Darauf kommt es an.

Denn natürlich wird es auch in Zukunft immer wieder Konflikte und Auseinandersetzungen geben. Aber die dürfen um Gottes Willen – und das heißt hier: um des Menschen willen, nicht durch Waffen und Kriege ausgetragen werden.

Denn zivil, oder besser noch: zivilisiert ist das nicht.

Denn zivile Lösungen stellen die Menschen in den Mittelpunkt; und zwar die Menschen in allen Ländern. Das wird bei dem russischen Vater so sein, dessen Sohn den politischen Zielen der russischen Regierung geopfert wurde- das wird bei der ukrainischen Mutter so sein, deren Kinder im Haus verbrannten und das wird wohl auch in allen Familien so gesehen werden können, in denen jemand sein Leben verliert; sei es in Afghanistan, in Nigeria, in Arabien oder wo auch immer auf unserer Erde.

Aber das Bekämpfen dieses globalisierten Elends muss lokal beginnen. Muss von uns hier, da wo wir leben und Verantwortung tragen, organisiert werden.

Dazu gehört das in Frage Stellen der Logik der Abschreckung. Dazu gehört das Sich nicht daran Gewöhnen an Militärs in Schulen oder das Akzeptieren einer Werbung, die suggeriert, als sei das Soldat Sein ein Beruf wie jeder andere.

Dazu gehört aber eben auch noch mehr; nicht nur die direkten Vorbereitungen, damit Kriege wieder akzeptiert werden.

Nein, leider tragen auch noch andere Dinge zu solch verhängnisvollen Entwicklungen bei:

 

Denn wir brauchen uns doch nicht zu wundern, wenn wir in unserer Gesellschaft so viele Menschen außen vor lassen; dass diese dann den Respekt und die Achtung vor dem Leben verlieren, wenn sie immer wieder die Erfahrung machen, dass sie doch keine Chance haben, dass sie immer wieder auf die Fresse kriegen. Wer der sozialen Ungerechtigkeit einfach tatenlos zuschaut, der braucht sich nicht über Verrohung und Gewaltbereitschaft zu wundern. Der Einsatz für soziale Gerechtigkeit ist sicherlich eins der Mittel, die jedem und jeder von uns zur Verfügung stehen, um letztlich auch die hohen Ziele des Ostermarsches zu erreichen.

Wenn allein in unserer Stadt über 40.000 Menschen von dem wenigen Geld leben müssen, das unter Hartz IV bekannt ist, dann darf das niemanden mehr in Ruhe lassen. Dann ist die Forderung nach einem sozialen Arbeitsmarkt, wie ihn zum Beispiel der Gelsenkirchener Appell erhebt, absolut nicht zu teuer.

Denn wer die Chance auf ein auskömmliches Leben für sich und seine Familie hat, der braucht keinen Job in einer Kaserne als vermeintliche Problemlösung; der wird auch nicht auf die verwegene Idee kommen, Flüchtlinge seien Schuld an der eigenen schwierigen Situation; und der wird erst Recht nicht auf die letztlich tödliche Überlegung kommen, sich mit Bomben und Terror das zu holen, was ihm andere vorenthalten

Ja, in diesem Bereich, vor der Haustür, sollten wir beginnen, nach besseren Lösungen, nach gerechteren und damit zivilen Lösungen zu suchen.

Unser Leben werden wir nicht mit besseren G36 Gewehren verteidigen – auch nicht mit Panzern, die tatsächlich fahren können oder mit verstärkten Transportkapazitäten für Soldaten – Nein, unser aller Leben verteidigen wir besser mit sozialer Gerechtigkeit, mit einer Wirtschaft, die allen zu Gute kommt und mit einer Politik, die den berechtigten Lebensinteressen von Menschen anderes begegnet als mit dem Massengrab im Mittelmeer.

Dann, liebe Freundinnen und Freunde, wenn uns das klar ist, dann wird uns vielleicht auch schnell klar, dass das, was auf der Gedenktafel am Mahnmal steht, dass das eben nicht nur schwülstige Formulierungen aus alter Zeit sind.

Sondern hier sind Worte gewählt, die notwendigerweise Großes ansprechen – denn nur wer Großes im Sinn hat, wird auch bereit sein, sich dafür einzusetzen:

Zerstampft des Unrechts Drachensaat,

zerstört den Hass von Staat zu Staat.

Versenkt die Waffen in Gewässern.

Dann wird im Friedenssonnenschein, die ganze Welt uns Heimat sein.

Dass Ihr alle dabei mithelfen wollt, das habt Ihr durch Euer Dasein bewiesen.

Dafür danke ich Euch! Und bitte: lasst nicht nach!